Ein Stück Geschichte

Im Garten vor unserem Wohnhaus stand eine über 300 Jahre alte Linde. Ihr Stamm war so mächtig, dass die Arme von zwei Erwachsenen ihn kaum umgreifen konnten. Manche Äste waren bereits hohl geworden. Die Dohlen brüteten darin. Und des nachts hockten die Käuzchen in den Zweigen, um ihren einsamen Ruf in die Dunkelheit zu schicken.

Während unser Naturhof bereits im Jahr 1632 als Mottenhof up gen Bruk in den Büchern des Amtes Schravelen erwähnt ist, beginnt die Geschichte der Linde erst 71 Jahre später. Damals leistete der Sohn des benachbarten Rahmehofs beim preußischen Militär seinen Dienst. So kam es, dass ein Bote einen Brief an die Eltern versehentlich zum Mottenhof trug. Freundlich, wie der Bauer vom Mottenhof war, streckte er die Kosten von einem Groschen vor und klopfte wenig später beim Nachbarn an, um das Schreiben persönlich zu überbringen. Er habe das Geld nicht, bekundete der Landmann, aber er wolle die Zeche durch Pflanzung eines Baums begleichen. Tagsdrauf grub er eine Linde in die dunkle Erde des Mottenhofs. Das Gehölz hieß von Stund` an "Porto-Linde".

Wie die Nachforschungen von Johannes Schoofs senior vom Janburshof in Schravelen ergaben, bewirtschaftete eine Familie Rouvenhoff bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Mottenhof am Broich. 1908 kaufte Rheinpreußen das Anwesen, dessen Pächter der Landwirt Eberhard van de Flierdt wurde. Zum besseren Verständnis: Rheinpreußen war eine Gewerkschaft, die nach preußischem Bergrecht von 1864 den Abbau von Bodenschätzen betrieb. Sie plante, im Hestert von Winnekendonk Kohle abzutäufen. Dank der Wirren des ersten Weltkrieges zerschlug sich das Vorhaben.

1924 übernahm Heinrich Pattberg, Generaldirektor auf Rheinpreußen und Urgroßvater von Miriam Etzold, den Mottenhof. Vier Jahre später erwarb er den wenige Meter entfernten Rahmehof. 1934 erbten seine Töchter, die Zwillingsschwestern Lene (verheirate Etzold) und Maria (verheiratete Söller) die Güter zu gleichen Teilen. 1954 schenkte Lene Etzold den Mottenhof am Broich ihrem Sohn Hans-Heinrich.

Der zweite Weltkrieg hatte Hans-Heinrichs Plan, als Tierarzt für ein Tropeninstitut in Afrika zu arbeiten, jäh zerschlagen. Erst im Januar 1950 war er aus russischer Gefangenschaft zurück gekehrt: ausgehungert, Malaria krank, mit Gelenkrheuma in den Gliedern. Mit 19 Jahren war er Soldat geworden, nun stand sein 30. Geburtstag bevor. Andere hatten inzwischen Karriere gemacht. Was war er? Ein Haufen Elend. Er stellte fest, dass das elterliche Heimathaus an der Lessingstraße in Moers - die Etzolds waren Nachbarn der Familie des Schriftstellers Hanns-Dieter Hüsch gewesen - von den Engländern beschlagnahmt worden war. Zuvor hatten es die Amerikaner verwüstet. Als weit größere Tragödie empfand er, dass die Liebe seines Lebens, die ihn all die Jahre wie ein roter Faden aus der Gefangenschaft an zu Hause gebunden hatte, nun zu einem anderen Mann gehörte. Seine Freiheit warf ihn aus der Bahn. Die Familie wusste keinen Rat. Schließlich empfahl sein angeheirateter Cousin, Professor der Medizin, Hans-Heinrich solle doch praktischer Landwirt werden. Schließlich habe er eine landwirtschaftliche Lehre in der Tasche. Die hatte er bereits vor dem Krieg als Vorraussetzung für das geplante tiermedizinische Studium absolviert. Im zweiten Lehrjahr hatte Hans-Heinrich übrigens auf einem 250 Hektar großen Demeter-Betrieb im Kreis Soest gearbeitet.

 Seine Mutter, die Witwe Lene Etzold, war einverstanden, ihm einen Hof in Winnekendonk zu schenken. Hans-Heinrich war`s egal. Er glaubte, sein Leben sei gelaufen. Gegen einen Wagon Koks, den sein Onkel "dazugab", bekam er einen Hörplatz an der höheren Landbauschule in Brühl. Sein Zustand besserte sich.

Er beendete die Schulzeit als Agraringenieur mit Auszeichnung. Er war von 52 der Beste gewesen.

Erst nachdem ein Gericht Recht gesprochen hatte, konnte Hans-Heinrich 1953 den Mottenhof im Hestert beziehen. Zwar war seine 100prozentige Eignung unangefochten gewesen, doch hatten Landwirtschaftskammer und  Gemeindeverwaltung des erzkatholischen Dorfes alles dafür getan, zu verhindern, dass ein Evangelischer den katholischen Pächter vertrieb.

So begann die Zeit der Etzolds (ev.) in der Nähe der Marienstadt Kevelaer. Noch im selben Jahr heiratete Hans-Heinrich Etzold die acht Jahre jüngere Margarete Heino (ev.) aus Lünzmühlen in der Lüneburger Heide. Sie vermehrten sich und bekamen drei Kinder: Martin, Hans-Heinrich und Miriam.